Ein Festtag in St-Ursanne Wie die Legende berichtet, kamen Ende des sechsten Jahrhunderts die frommen Wander- prediger Hymerius, Fromondulus und Ursicinus auf den Höhen des Mont Repais zusammen. Sie wollten dem heidnischen Kult im den "Roc de l'Autel", eine heute noch vorhande- nen Menhir, ein Ende bereiten. Erwägend, wohin sie sich fürderhin wenden sollten, warfen sie ihre Wanderstäbe empor. Dabie flog der Pilgerstab des St. Ursicinus, ei- nes Schülers des heiligen Columban, nach dem Willen Gottes südwärts hinunter bis zu jener Stelle, wo der Doubs seinen Lauf nach Norden plötzlich abbricht und in ent- scheidender Wendung nach Westen weiterströmt. Hier lag zwischen Fluss und Bergen eine schmale Au, hoch überragt von einer Felswand, in der eine heute noch vorhande- ne Höhle dem heiligen Mann Schutz bot. Diese Einsiedelei war die Keimzelle für die kleine Stadt St-Ursanne, zu deutsch St. Ursitz. Schon zu Lebzeiten genoss der Ere- mit eine hohe Verehrung. Als ein einsamer Pilger das Grab von St. Ursicinus ent- deckte, fand die Verehrung neue Nahrung. Eine Benediktinerabtei wurde gegründet, die zu Beginn des 12. Jahrhunderts in ein Chorherrenstift umgewandelt wurde. Seit jenen Tagen lebten hier zwölf Kanoniker nach den Ordensregeln des heiligen Augusti- nus. Um 1139 brachte der Bischof von Basel die aus dem Stift hervorgegangene Stadt in seinen Besitz und kurz daraud auch das Stift selber. So war die Geschichte von St-Ursanne stets eng mit der des Bistums Basel verknüpft. Unberührt von den Wellen der Reformation konnte das Kapitel in der Verborgenheit so lange ein bescheidenes Dasein fristen, bis die Französische Revolution die Chorherren vertieb und die Stiftskirche 1803 zur Pfarr irche umwandelte. Dieser im 12. Jahrhundert begonnene und hundert Jahre später erweiterte Bau ist heute noch eine der grossen Sehenswürdigkeiten des Juras. Wie eine Glucke ihre Kücken, hat das mächtige Gotteshaus die Häuser der kleinen Stadt in seinen Schutz genommen, und der nur in seinem obersten Stockwerk von gotischen Fenstern durch- brochene, 1442 begonnene und 1508 mit einem Dachreiter gekrönte Turm bildet auch heute noch den optischen Mittelpunkt des Gemeinwesens. Deutlich erkennt man im Umkreis des Gotteshauses noch den Grundriss der alten Klo- stersiedlung. Im Bogen ziehen die Strassen um den mächtigen Kirchenbau, dessen hochgerecktes Langhaus mit den gedrückten Seitenschiffen auf einen Platz und auf einen mit dem Standbild des Orstheiligen gekrönten Brunnen blickt. An dieses Herz- stück der ersten Siedlung reiht sich nach Osten hin ein regelmässig angelegter Stadtteil an, der wahrscheinlich erst im 14. Jahrhundert erbaut wurde. Von der talaufwärts führenden Hauptstrasse zweigen vier kurze Seitengassen ab. Vergebens erhofft man sich von ihnen aus einen freien Blick auf den Doubs. Er bleibt verborgen hinter der dem Fluss entlang aufgereihten lückenlosen Häuser- front. Dieser Stadtteil wirkt irgendwie unfertig. Vielleicht reichte die Bevölkerungszahl für die neue Planung nicht aus, vielleicht haben sich auch die Lücken, welche die grossen Brände von 1403 und 1557 hinterliessen, nicht mehr geschlossen. Man weiss nur, dass die Stadtbefestigung, die mit der auf dem Felsen über der Stadt liegenden, heute kaum noch erkennbaren Burg eng zusammenhing, im 17. Jahrhundert erneuert wur- de. Aus derselben Zeit stammen die drei noch vorhandenen Tore. Von Les Rangiers kommend, führt uns die Strasse steil abwärts und schlüpft durch ein hohes, steingefügtes Eisenbahnviadkut, das in seiner ausgewogenen Bogenfüh- rung an antike Bauwerke denken lässt. Eine Biegung der Strasse nach rechts, und schon will uns die Porte Saint-Pierre, auch Loretto-Tor gennant, den Weg verle- gen. Doch hinter den beiden Schiessscharten drohen keine Hakenbüchsen mehr. Der kleine, aus dem schrägen Dach vorspringende Erker verleiht der Toranlage sogar etwas Heiteres. Selbst der Bär, das Wappentier des heiligen Ursicinus, grüsst freundlich vom Mauerwerk, und die altertümliche Uhr unter dem glockengeschmück- ten Dachreiter meldet sich mit silbernem Klang. Stille liegt an diesem Tag über der Haupstrasse, obwohl morgen der Tag der ersten heiligen Kommunion gefeiert wird. Wir erwägen lange, in welchem der Gasthäuser, die mit enladenden Schildern zu Bleibe auffordern, wir absteigen sollen. Endlich wählen wir eines, das uns den Blick auf den Doubs verspricht. Wir haben Glück: Unter unserem Fenster rauscht der Fluss vorbei, der nach langer Regenzeit schäumend an die drei stei- nernen Pfeiler der schön geschwungenen Brücke anbrandet. In leichter Krümmung und in der Mitte sanft ansteigend überquert diese den Fluss. Man könnte glauben, das formschöne Bauwerk ginge in die Zeit der Gotik zurück, und doch wurde es erst 1728 in geschickter Anlehnung an das mittelalterliche Stadtbild erbaut. Mit feiner Einfühlungsgabe stellte man die Barockstatue des heiligen Nepomuk auf dem Scheitelpunkt der Brücke in eine aus dem steinernen Geländer ausgesparte Nische. So steht der Brückenheilige, der als Wahrer des Beichtgeheimnisses im fernen Prag sterben musste, mit Sternen gekrönt über dem grünschimmernden Doubs. Unser Zimmer ist erfüllt von dem eigentümlichen Geruch und der Melodie des vorüberrau- schenden Wassers und von dem feinen malmenden Geräusch, mit dem sich die Kiesel im Flussbett aneianderreiben. Die ganze Stadt scheint vom Aten des Flusses erfüllt zu sein: Er umweht das Brückentor, dem ein angefügter Rundturm ein besonders wehr- haftes Aussehen verleiht, und er begleitet uns, wenn wir zum Rathaus hinüberwan- dern, das auf einer offenen Halle mit schweren Gewölben ruht. Es dämmert schon, wie wir die Hauptstrasse entlangschlendern. Hier ein feingemeis- selter Renaissance-Erker, dort Reste eines schönen Portals. Hinter Fenstern, die noch gotische Mermale tragen, flammen bereits die ersten Lichter auf. Mit heller Stimme fängt eine Kirchenglocke an zu läuten. Ihr antworten die grösseren Schwes- tern, die, eine nach der andern, mit dumpfem Dröhnen in das Jubilate zu Ehren des morgigen Festtages einstimmen. Fröhliches Lachen dringt aus einer heimeligen Gast- stube. Weinfrohe Menschen ziehen an uns vorüber. Auch für uns wird es Zeit zum Abendessen. Was sollen wir wählen: Forellen blau, Forellen nach der Art des Hauses, Forellen mit Mandelsplittern ? Frisch dürften sie allesamt sein, sahen wir doch so- eben noch von der Brücke aus, wie ein Angler, angetan mit hohen Wassestiefeln, aus dem Fluss eine Forelle holte. Wünschen wir dem Mann dasselbe Jagdglück wie jenen alten Bieler Fischer, der im Jahre 1939 vier Fische îm Doubs fing, die zusammen 13 Kilogramm gewogen haben sollen. Nachdem wir das mit spritzigem Seewein gewürzte Mahl genossen haben, dürfen wir hinterher von unserem Zimmer aus den zauberhaften Ausblick geniessen. Der Mond, der soeben über den Bergen am jenseitigen Ufer aufsteigt, legt eine breite Sil- berspur über das unter unserem Fenster hinströmende Wasser. Dann trägt uns Rau- schen des Flusses hinüber in traumlosen Schlaf. Dumpfer Trommelschlag und Klänge einer Blasmusik reissen uns aus dem Schlummer. Voll steht das Morgenlicht im Fenster, und der vorbeiziehende Fluss zaubert in die Vorhänge und an die Zimmerdecke helle Reflexe. Über die Brücke schreiten be- reits ein paar weissgekleidete Mädchen, geschmückte Kerzen in den Händen. Wir kommen gerade noch zurecht, um mitzuerleben, wie die Prozession unter den Anor- dnungen eines livrierten Kirchendieners sich formiert. Ein goldverzierter Trag- himmel schwebt an der kleinen Madonnenfigur vorbei, die aus einer Nische am Doubstor niederlächelt. Die Musikkapelle ist bereits aufmarschiert. In ihren messingblanken Trompeten und Posaunen spiegelt sich die Sonne. Schwestern in ernster Tracht, festlich gekleidete Mädchen und die Knaben, die in ihren kut- tenähnlichen weissen Gewändern wie kleine Mönche aussehen, folgen dem Allerhei- ligsten. So geht es in weitem Bogen erst zum etwas abseits liegenden Pruntruter Tor und dann an den schlichten Klostergebäuden vorbei zu Stiftskirche. Aus dem Gotteshaus dringt Orgelton, der allmählich die Klänge der Musik übertönt. Dann verschwindet der Zug in dem unter dem Turm gelegenen Portal. Wir lassen uns von dem Sog ins Kircheninnere ziehen und finden dort einen Platz, von dem aus der Blick auf den leicht erhöhten Chor und auf den zu einer Krone aufgebogenen Haupt- altar geht. Während die Honoratioren und die Kinder in den Bänken Platz nehmen, finden wir Zeit, zwischen den Strebepfeilern in eine der drei dem Langhaus einge- fügten Seitenkapellen zu blicke, dort das verschlungene Masswerk der Flamboyant- Fenster zu bewundern und ebenson die aus dem 15. Jahrhundert stammende, im Jahre 1903 erneuerte polychrome Ausmalung. Inzwischen haben die Kleriker in dem vier- hundert Jahre alten Chorgestühl Platz genommen. Es verbirgt sich hinter dem Fili- gran eines Chorgitters, das der einheimische Meister Bourquard im Jahre 1777 schuf. Helles Licht fällt durch die hochliegenden Rundbogenfenser und ruht auf den Spitzbogenarkaden, die das Langhaus von den beiden Seitenschiffen trennen. Der Lichtschein lässt die schweren Halbsäulen und die prismatisch profilierten Gewölberippen plastisch hervortreten. Der Pfarrer aht die schöne, im Jahre 1705 von Jean Monnot geschaffene Kanzel betreten und weist mit flammenden Worten in französischer Sprache die Kinder auf die Bedeutung des Tages hin. Währenddessen wandern unsere Augen hinauf zu den seltsam geformten, fabrlich feingetönten Knospenkapitälen, wo wir eine unbeholfen geformte menschlische Gestalt entdecken und darüber das Wort BVRCHINVS (vielleicht der Name des Bildhauers). Die Messe ist vorüber. Die Menschen zerstreuen sich auf dem von Bäumen überschatte- ten Platz und verschwinden hinter alterstümlichen Haustüren. Weihrauch hängt noch im Gewölbe, wie wir die nun menschenleere Kirch durchschreiten und im Langhaus die zu Tieren gestalteten Konsolen an den Diensten der Diagonalrippen bewundern. Dann steigen wir auf schmaler Treppe von einem Seitenschiff aus hinunter in die ein- druckvolle Krypta, die von drei kleinen Fensteröffnungen spärlich erhellt wird. Vier Säulern mit leicht geschwellten, aus einem einzigen Stein besthenden Schäften tragen eine Kreuzgratgewölbe mit rundbogigen Gurten, das an den Aussenmauern auf Halbsäulen mit Würfelkapitälen aufliegt. In diese Herzkammer der Kirche dringen wie aus weiter Ferne die abgerissenen Klänge der Festmusik. Sie locken uns hinaus auf den Platz vor dem Gotteshaus. Von hier aus überblicken wir das grossartige Südtor, das vielbewunderte Prunkstück der Kirche. Deutlich zeigt sich in diesem Kunstwerk die Verwandtschaft mit der berühmten Galluspforte des Basler Münsters. Wahrscheinlich sandten die dortigen Bischöfe einen Steinmetz hierher, der sich an der burgundisch-romanischen Portalgestaltung geschult hatte. Als selbständiger Architekturkörper scheint die ganze, von einem rechteckigen Feld umrahmte Portalkomposition auf die Aussenmauer des Seitenschiffs aufgelegt. Das dreimal abgetrennte Türgewände wird von je drei Säulen mit monolithen Schäften un- terteilt. Dadurch gewinnt die Toranlage jene Tiefe, die uns geradzu in das Innere der Kirche hineinzieht. Überwölbt von drei ebenfalls gestaffelten Rundbogen, thront Christus im Tympanon, umgeben von sieben Engeln und den Apsoteln Petrus und Paulus. Zu Füssen der Erlösers kniet bescheiden eine Figur, vielleicht St. Ursicinus oder der Stifter des Portals. Aus der linken Seitennische schaut eine geflügelte Madonna, das Jesuskind auf dem Schoss. Die beinahe als Freifigur aus dem Stein gemeisselte Plastik zeigt im Schmuck der Krone, in den Gewandfalten und -säumen besonders fein durchgebildete Details. Künstlerisch nicht minder wertvoll ist die in der rechten Seitennische unter einem später eingefügten Baldachin stehende Statue des heiligen Ursicinus. In ihrer steifen Haltung wirken die Figuren säulenhaft-starr, eine Eigen- tümlichkeit der romanischen Plastik. Vermutlich wurden sie von einem Künstler aus- geführt, dem das Portail Royal in Chartres bekannt war. Jedenfalls sind sie charak- terische Zeugnisse der aus Burgund kommenden Kunst des ausgehenden 12. Jahrhunderts. Aussergewöhnliche Qualität verraten die Säulenkapitäle links und rechts der Eingangs- pforte. Auf einem stützen sich vier Löwen mit verdoppeltem Leib mit ihren Füssen auf Menschenschädel. Auf den anderen Kapitälen sind die vier Evangelisten seltsamerweise mit den Köpfen von Stier, Engel, Adler und Löwe dargestellt. An der Ostseite der Pforte breiten vier Adler die Flügel, stillt eine von Sirenenmännchen begleitete Si- rene ihr Kind, und ein Mönch versucht in der "Wolfsscûle" vergeblich, einen gierigen Wolf zu unterrichten. Von der ehemaligen Polychromie des Tores haben sich noch Spuren in den beiden vir- tuos hingeworfenen Drachenfiguren links und rechts des Torbogens erhalten. Kleine primitive Plastiken schmücken die Aussenwände der fünfseitigen Apsis, deren Mauern ungebrochen von der Krypta bis zu den reich profilierten Fenstern und zum Rundsbo- genfries emporsteigen. Dem ältesten Kirchenbau dürfte das Tympanon am Nordportal entstammen. Das ins 7. Jahrhundert zurückreichende Kusntwerk zeigt auf einem fla- chen, fast wie eine Ritzzeichnung anmutenden Relief ein Kreuz zwischen einem sich aufrichtenden Löwen und einer stilisierten Lilie. Unmittelbar hinter dem Chor ge- langen wir in den stimmungsvollen Kreuzgang. Durch die noch schwerfällig gearbei- teten Spitzbogenfenster fällt der Blick auf Gräber von Notabeln, auf den Turm der Kirche und auf die nahen Walberge. Von der über dem Südufer des Doubs aufsteigenden Höhe erscheint uns die kleine Stadt in völlig neuer Sicht. Dem in sich geschlossenen Bild sind liebevoll ein- gezeichnet: Brücke, Tor, die Häuserreihe am Fluss, davor von Blumen überquel- lende Gärten, das vom Grün der Bäume durchwobene Braun der Dächer und die Stiftskirche, die höher und höher emporzuwachsen scheint, je weiter wir den Berg hinaufsteigen.
Max Rieple Der Jura. Entdeckungsfahrten zwischen Rhein und Rhone. Bern und Stuttgart, Verlag Hallwag, 1968. S. 88-96. |